Achtsamkeit - Zauberwort, Modewort, Unwort?

Neulich machte sich der amerikanische Comedian Des Bishop auf elegante Weise lustig über den Begriff «Mindfulness», deutsch: Achtsamkeit.

Sinngemäss sagte er:

In der Erinnerung an seine Teenagerjahre habe niemand je das Wort Achtsamkeit in den Mund genommen. Wieso nicht? Weil sie die Hälfte jedes verdammten Tages («half of every fucking day») achtsam gewesen seien. Man habe gar keine andere Wahl gehabt. Sie hätten keinen verdammten Kabeldienst («fucking cable service») in ihrer Hosentasche gehabt.

Wenn man auf jemanden gewartet habe, habe man gewartet. ACHTSAMKEIT!

Wenn man Bus gefahren sei, sei man Bus gefahren, an der Scheibe herunterkullernde Kondenswassertröpfchen beobachtend. ACHTSAMKEIT!

Er habe damals nicht realisiert, dass er ein («fucking») Guru war – bevor er ein Smartphone hatte.

Habe man eine Videokassette zurückspulen wollen, habe man eine Taste niedergedrückt halten müssen, um zurückzuspulen. ACHTSAMKEIT!

Zur Erinnerung: Achtsamkeit wird als die konzentrierte Aufmerksamkeit definiert, die man sich und der unmittelbaren Umwelt hier und jetzt schenkt.

Er wollen niemanden verurteilen, er wolle bloss sagen, dass es Zeiten gegeben habe, in denen man sich gezwungenermassen mit sich selbst auseinandersetzen musste.

Wurde Achtsamkeit tatsächlich vor allem seit dem Aufkommen des Taschentelefone zum grossen Thema? Die zeitliche Koinzidenz ist auffällig.

Tatsache ist, dass wir grosse Mühe haben, uns zu langweilen. Genau genommen halten die wenigsten Langeweile überhaupt aus. Der Griff zum Smartphone ist automatisiert, genau wie die App, mit deren Hilfe wir Achtsamkeitsübungen auf das Minidisplay zaubern.

Es spricht nichts gegen Achtsamkeit, absolut gar nichts. Es ist wünschenswert, dass wir ihr viel Aufmerksamkeit schenken, und es ist lobenswert, nimmt das Thema mehr Raum ein als auch schon. Und trotzdem dürfen oderund müssen wir uns fragen, was Achtsamkeit eigentlich bedeutet.

Tatsächlich zeigt die Beobachtung in öffentlichen Verkehrsmitteln, dass es eine verschwindend kleine Anzahl Personen ist, die eine Fahrt ohne Smartphone-Konsum zu bewältigen in der Lage ist. Tatsächlich wäre dasitzen und aus dem Fenster schauen, ohne Phone, ohne Buch, ohne Musik, eine sehr achtsame Handlung. Den Geist frei flottieren zu lassen, bei einzelnen Gedanken zu verweilen, ihnen Zeit zu widmen, sich nicht ablenken zu lassen, genau das ist ACHTSAMKEIT.

Jemanden via App diktieren zu lassen, was eine achtsame Handlung ist, und wie ich diese jetzt anwende, ist streng genommen keine. Es ist Konsum einer achtsamen Handlung.

Ach, übrigens: das Video mit Des Bishops Beschreibung von Achtsamkeit habe ich auf meinem Smartphone gesehen und konsumiert. Vielleicht sollte ich mehr Bus fahren, wenn’s regnet.

Autor: Claude Ramme
Foto: Alexandre Guimont für Unsplash