Ist Misserfolg auch ein Erfolg?

Der Titel deutet es an: Misserfolg steht vor dem Erfolg. Der Misserfolg erhält immer und überall mehr Gewicht. Erfolgreich sind – nicht nur bei Olympia – die Erstplatzierten. Die auf dem zweiten Platz werden als die ersten Verlierer bezeichnet.

Misserfolg ist also recht klar definiert, so scheint es. Alles, was nicht Erfolg ist, ist Misserfolg.

Das heisst, wir müssen den Begriff Erfolg definieren. Ab hier wird’s mirakulös. Denn ich kann einen Misserfolg umdeuten. Wer das besonders gut machte, war Michael Jordan, einer der besten Basketballspieler aller Zeiten: «I’ve missed more than 9000 shots in my career. I’ve lost almost 300 games. Twenty-six times I’ve been trusted to take the game-winning shot and missed. I’ve failed over and over again in my life. And that is why I succeed.”

Das ist eine gelungene Umdeutung von Misserfolg. Wenn wir es schaffen, auf diese Weise «Misserfolge» aufzufangen, sind wir bereits auf einem guten, um nicht zu sagen: auf dem richtigen Weg.

Der Haken: unser ständiger Wunsch nach sozialer Anerkennung. Heisst: wir vergleichen uns mit unserer Umwelt beziehungsweise unserem Umfeld. Vorzugsweise mit jenen, die besser sind (was auch immer das heisst). Sinnigerweise trägt dieser Anspruch oftmals zu unserer Motivation bei. (Die Umsetzung ist dann ein weiteres Thema, dem an anderer Stelle nachgegangen wird.)

Wer Golf erlernt, kennt das Gefühl des gnadenlosen Scheiterns. Nirgends ist es so heftig wie dort. Ständig wird man konfrontiert zwischen dem Anspruch, der da sagt: so schwer kann es doch nicht sein, diesen Ball zu treffen, und der Realität des Mehr-oder-weniger-Danebenhauens. Auch die Besten der Besten scheitern dauernd. Das mag teilweise beruhigend sein. Auf der anderen Seite ändert es nichts daran, dass ich immer noch daneben schlage.

Oder: wieso können wir eine Passfahrt mit dem Velo geniessen? Zwei, vier, sechs oder mehr Stunden grösstenteils absurd steil bergauf, Abfahrten, die generell lebensgefährlich sind, ganz zu schweigen von der Unberechenbarkeit des Wetters in den Bergen. Und ständig dieser interne Vergleich mit Tadej Pogacar. Oder dem Kollegen, der bereits 500 m Vorsprung hat.

Wieso üben wir Sportarten aus, bei denen es so leicht ist, zu scheitern? Schierer Masochismus?

Vielleicht, weil wir als Menschen dazu in der Lage sind, Misserfolg umzudeuten. Der zehnte Schlag klingt plötzlich ganz anders. Das feine Klicken des Balles am Sweet Spot der Schlagfläche verrät uns, dass wir es eigentlich doch können. Wir wissen anschliessend nicht so recht, wieso, aber es gelang. Und es gelingt immer wieder.

Wenn wir mit dem Surfbrett unter dem Hintern zehn, zwanzig Minuten auf eine gute Welle warten, diese dann auch kommt und wir tatsächlich einen fünf bis zehn Sekunden dauernden Wellenritt schaffen, ist der Tag, vielleicht die ganze Woche gerettet.

Gehen wir Skifahren, ist Ärger eigentlich vorprogrammiert. Auf dem Weg ins Skigebiet stehen wir oft genug im Stau, dann an am Ticketschalter, schliesslich am Lift. Wir fahren hoch zum Start der Piste, schauen auf die Uhr und stellen fest: der Prozess bis hierher nahm satte zwei bis drei Stunden in Anspruch. Wir fahren los – und selbst wenn wir uns viel Zeit nehmen, dauert die Fahrt selten länger als 10 Minuten. Aber diese kurze Zeit reicht uns, um nicht nur die Fahrt, sondern den ganzen Tag zu geniessen.

Diese Fähigkeit des Umdeutens kann uns helfen, grobe Misserfolge, schwierige Momente, blöde Situationen neu zu denken und Vorteile darin zu erkennen. Und das kann eigentlich nur eines bedeuten: es gibt keinen Misserfolg. Es gibt nur Missdeutung.

Autor: Claude Ramme
Blog-Foto von Brett Jordan auf Unsplash.