Selbstwert

Neulich las ich ein Buch über Selbstwert bei Kindern und Jugendlichen. «Selbstwert» ist ein Begriff mit Zauberwort-Charakter. Alle arbeiten wir an unserem Selbstwert, manche mehr, manche weniger, manche haben von Geburt an einen (hinreichend) hohen, andere einen ungesund tiefen.

Ein Abschnitt begann folgendermassen: «Ausgehend von der Annahme, dass selbstbewusste Eltern auch selbstbewusste Kinder haben, da sie für diese als Vorbild fungieren, …» (Felnhofer, Klier, Galliez, 2022, 52). Da geriet ich unvermittelt ins Nachdenken. Stimmt das? Darf ich diese Annahme so treffen? Ich war sofort unzufrieden – erst mit der Annahme, dann mit mir. Mit mir, dass ich die Annahme per se in Frage stelle, quasi: schon wieder auf der Suche nach dem Haar in der Suppe. Dann aber wieder mich der Annahme zuwendend, fand und finde ich falsch, eine solche Annahme zu treffen.

Darf ich tatsächlich davon ausgehen, dass alle Kinder mit selbstbewussten Eltern quasi automatisch auch selbstbewusst sind? Was hat Selbstbewusstsein mit Selbstwert zu tun? Wird das synonym verwendet oder besteht ein haushoher Unterschied? Selbstbewusstsein kann wörtlich verstanden werden als: «ich bin mir und meiner selbst bewusst»; «Ich weiss, dass ich bin.»; vielleicht sogar: «Ich weiss, dass ich ich bin.». Selbstwert wiederum ist die Einschätzung meiner selbst, und die kann ich auch vornehmen, wenn ich weiss, dass ich ich bin – ob positiv oder negativ, ob hoch oder tief.

Der Einfachheit halber frage ich deshalb: Haben Eltern mit hohem Selbstwert automatisch Kinder mit hohem Selbstwert? Oder anders: haben Eltern mit tiefem Selbstwert automatisch Kinder mit tiefem Selbstwert? Was ist, wenn ein Elternteil einen eher hohen Selbstwert hat, der andere einen eher tiefen?

Die Frage ist nicht unwichtig, besonders im Hinblick auf Sport/Leistungssport. Wenn nämlich der Selbstwert tief ist, ist die Wahrscheinlichkeit deutlich höher, langfristig keinen Erfolg zu haben. Es ist aber tatsächlich so, dass auch ein tiefer Selbstwert bearbeitet werden kann in Richtung eines höheren Selbstwerts.

Heisst: selbst wenn die Annahme wahr sein sollte, dass Eltern mit tiefem Selbstwert Kinder mit tiefem Selbstwert haben, können diese Kinder dereinst einen hohen Selbstwert entwickeln. Es gibt eine Reihe von Methoden und Instrumenten, um einen hohen Selbstwert zu trainieren. Wer also glaubt, dass er oder sie nichts kann, unfähig ist, ein Loser, ein Untalent, könnte mit ein wenig Arbeit zur Überzeugung gelangen, dass alle diese Glaubenssätze (strong beliefs) falsch sind.

Ich persönlich ziehe es überdies vor, die Annahme für falsch zu halten – alleine schon aus der Erfahrung, Kinder kennen gelernt zu haben mit einem ausgeprägt hohen Selbstbewusstsein (oder Selbstwert), die später gnadenlos scheiterten. Der vorgegaukelte Selbstwert war nichts als eine Maske, die halt leider nicht ewig getragen werden kann. Selbstwert ist nicht etwas per Geburt Vorgegebenes. Es muss trainiert werden, auch von Menschen, die vorgeblich einen hohen haben.

Autor: Claude Ramme
Foto von Saffu für Unsplash